Vogelfrei

MICHAEL HENNINGS REVIER IST DER AIRPORT

Sein Blick schweift nach oben. Richtung Himmel. Konzentriert sucht Michael Henning die Umgebung nach größeren Vögeln ab. Ganz aufmerksam. Permanent wird das Flughafengelände kontrolliert. Die Ergebnisse dokumentiert. Wie verhalten sich die gefiederten Airportbesucher? Genaue ornithologische Kenntnisse sind hier gefragt. Die Launen der Natur, die Jahreszeiten und die Flugrouten muss Michael Henning, der Vogelschlagbeauftragte und Jagdaufseher, genau kennen. Momentan ist alles ruhig. Der nächste Flieger kann kommen. Aktuell ist kein Vogelschwarm in Sicht.

Jäger und Hund

 

DAVID GEGEN GOLIATH

Wenn sich die Route eines Flugzeugs mit der eines Vogels kreuzt, steht der Unterlegene schnell fest. Doch ganz ohne Tücke ist eine Kollision auch für die große Maschine nicht. Zwar ist die Toleranz von Flugzeugen gegenüber Vogelschlägen heute schon sehr hoch, aber kostspielige Schäden sollen natürlich dennoch vermieden werden. Meist bleibt es zwar bei einer Delle oder einem Kratzer. Repariert werden muss das Flugzeug dann dennoch. Der Düsseldorfer Airport setzt darum im Rahmen eines professionellen Vogelschlagmanagements auf zwei Vorgehensweisen, um das Risiko zu minimieren: die sogenannten biotopverändernden Maßnahmen und die Aktivitäten der „Bird Control“, zu der die Vergrämung von Vögeln sowie Beobachtungs- und Dokumentationsleistungen gehören.

Auf den etwa 340 Hektar Grünland der Flugbetriebsfläche setzt Michael Henning in erster Linie auf das richtige „Biotopmanagement“, um ungebetene „Zaungäste“ fernzuhalten. Das Gras wird dabei bewusst nicht gestutzt. „Das Gebiet muss möglichst unattraktiv für große Vögel sein. Langes Gras, keine beerentragenden Sträucher, keine Wasserstellen, keine Düngung. Die meisten Vögel können in dem dichten, langen Gras ihre Feinde schlecht erkennen, ihre Fluchtdistanzen nicht einhalten und die Futtersuche ist beschwerlich“, erklärt Henning. So sollen die Vögel andere Gebiete dem Flughafenareal vorziehen. Wichtig sind zudem die Drainagen entlang der Start- und Landebahn, damit sich bei starkem Regen keine Wasserflächen bilden, die Enten, Gänse und andere Vögel anlocken. Teiche und Bäche sind dementsprechend ebenfalls tabu.

MIT HUND UND BUSSARD GEGEN VÖGEL

Ein eher ungewöhnlicher „Naturjob“ mitten an einem Verkehrsknoten: Das Revier von Michael Henning ist der Airport. Eine Sisyphusarbeit. Ständig stoppt der Wildhüter seinen Geländewagen und schaut sich auf der Betriebsfläche um. Dabei stets an seiner Seite: der Stöberhund Leonardo. Immer wieder streichelt der Jagdaufseher zwischendurch seinen vierbeinigen Begleiter. Typisch Michael Henning. Denn er ist der immer gutgelaunte Typ, der keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. Doch bei der Vogelvergrämung kennt der Essener kein Pardon. Es geht um die Sicherheit. „Manche Vogelarten sind ganz schön clever und hartnäckig. Wer es mit der Natur aufnehmen will, der muss vorausschauend denken. Und dabei sämtliche behördliche Auflagen berücksichtigen“, betont der 56-Jährige. Seit 17 Jahren arbeitet der Rechtsanwalt am Flughafen. Heute ist er Referent für Wildlife-Control und Jagdrecht, Vogelschlagbeauftragter, geprüfter Jagdaufseher und Falkner in einer Person. Unterstützt wird er von einer weiteren Jagdaufseherin, seiner Kollegin Stefanie Kasch. In erster Linie betreut Michael Henning den Airport in jagd- und naturschutzrechtlichen Fragen sowie im Ausgleichsflächenmanagement und vertritt das Unternehmen bei den entsprechenden Behörden.

Es raschelt im Gras. Muss Henning aktiv werden? Zu den ad-hoc-Maßnahmen des Wildhüters zählt im Rahmen der „Bird Control“ die Vergrämung der vogelschlagrelevanten Vogelarten von den Flugbetriebsflächen. Der Vogelexperte sucht hierbei immer zuerst den natürlichen Weg. Graureiher, Lachmöwen, Tauben, Kiebitze, Stare und Co. müssen draußen bleiben. Größere Vögel werden im Freien mittels pyroakustischer Munition vergrämt. Die Jagdaufseher verschrecken Vögel in Flugzeughallen darüber hinaus mithilfe eines Harris-Hawk, auch Wüstenbussard genannt. Neben den Jagdaufsehern sind auch die Einweiserdienste, die regelmäßig geschult werden, mit der Wildlive-Control am Airport betraut.

Vergrämungsmaßnahmen sind insbesondere während der Vogelzugzeiten im Herbst und Frühjahr notwendig. Das Konzept geht auf. Der Erfolg all dieser Maßnahmen zeigt sich daran, dass der größte Flughafen in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren eine vergleichsweise niedrige Vogelschlagrate vorweisen kann. So kommt es in Düsseldorf nur gelegentlich zu einem Vogelschlag. Die meisten Kollisionen laufen ohne größere Schäden ab. Für den Fall, dass es dennoch einmal dazu kommt, lernen die Piloten in ihrer Ausbildung, wie sie in solchen Flugsituationen richtig handeln. Sobald es auf der Instrumentenanzeige irgendwelche Anzeichen für Unregelmäßigkeiten gibt, kehrt der Pilot um. Bei kleineren Vögeln merkt der Pilot oftmals sogar gar nichts von einem Vogelschlag.

VOGELSCHLAG

Als Vogelschlag, englisch „bird strike“, bezeichnet man die Kollision eines Vogels mit einem Flugzeug. Etwa 100 verschiedene Vogelarten sind im Umfeld des Airports bereits beobachtet worden. Im Laufe der Zeit hat dabei der Anteil von Kleinvögeln zugenommen, die großen Arten sind deutlich in der Minderzahl. Zusammenstöße zwischen Vögeln und Luftfahrzeugen sind gerade in der Start- und Landephase kritisch und verursachen allein in Deutschland jährlich Schäden in Millionenhöhe. Darum ist auch an NRWs größtem Airport ein Vogelschlagbeauftragter nach den Richtlinien des Bundesministers für Verkehr bestellt. Er ist verantwortlich für die Einhaltung, Koordinierung und Überwachung aller Maßnahmen zur Verhütung von Vogelschlägen. Eine offizielle Ausbildung zum Bird Controller gibt es nicht. Das Augenmerk ist bei all dem nicht nur auf das direkte Flughafengelände beschränkt. Die Maßnahmen basieren auf Gutachten des Deutschen Ausschusses zur Verhütung von Vogelschlägen im Luftverkehr e. V. (DAVVL e. V.).

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