Sprechstunde in Afrika

DR. CHRISTIAN GERHARDS UND DANIEL JOLK SIND ZAHNÄRZTE AUS PASSION

Dr. Christian Gerhards und Daniel Jolk, beide um die vierzig, sind Zahnärzte aus Passion. Mitten im Terminal liegt ihre Praxis, einen Treppenabsatz entfernt von den Check-in-Schaltern. Mitarbeiter und Nachbarn des Airports kommen hierhin, um sich Füllungen, Brücken und Kronen machen zu lassen. Manchmal auch ein Fluggast.

Patienten warten auf Behandlung
Eigentlich ein Fulltime-Job. Und dann sind da ja auch noch die Familie und die Hobbys. Aber irgendwie kann das noch nicht alles sein, sagten sich die beiden vor sechs Jahren. „Wir haben das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen“, so ihr Credo. Zurückzugeben vom Wohlstand, der für die meisten Deutschen als so selbstverständlich erachtet wird, zurückzugeben von einer qualifizierten Ausbildung, die vielen anderen Menschen auf der Welt verwehrt bleibt, und zurückzugeben von einer medizinischen Versorgung, die sich viele in anderen Regionen der Welt gar nicht erst leisten können.

EHRENAMT FÜR CARGO HUMAN CARE

Mit Cargo Human Care, einer von Mitarbeitern der Lufthansa Cargo und Ärzten aus Deutschland gegründeten Hilfsorganisation, die sich das Ziel gesetzt hat, den ärmsten Menschen in Kenia unbürokratisch und nachhaltig zu helfen, war der ideale Partner für das ehrenamtliche Vorhaben der beiden Zahnärzte gefunden. Cargo Human Care betreibt unweit von Nairobi ein Waisenhaus für 120 Kinder, eine Medizinstation, in der 50 deutsche Ärzte regelmäßig im Einsatz sind, sowie ein Jugendheim für die Berufsausbildung der Schulabgänger des Waisenhauses. Lufthansa Cargo hat das Projekt von Anfang an unterstützt und stellt unter anderem die Flugtickets für die Ärzte sowie freie Transportkapazität für medizinische Geräte zur Verfügung.

Seit 2012 fliegen Gerhards und Jolk mit einer Lufthansa-Frachtmaschine einmal im Jahr für eine Woche von Frankfurt nach Nairobi. Von da aus geht‘s weiter ins 40 Kilometer entfernte Medical Centre, das sowohl die Kinder des angeschlossenen Waisenhauses als auch die in der Umgebung wohnenden Menschen, die dort ohne medizinische Versorgung leben, versorgt. 2.000 Menschen werden von deutschen Ärzten aus verschiedenen Fachrichtungen bei akut vorliegenden Krankheiten behandelt. Alle Ärzte, die auch wie Gerhards und Jolk im Wechsel für einige Tage vor Ort sind, arbeiten unentgeltlich. Dafür verzichten die beiden Zahnärzte auf einen Teil ihres Urlaubs. Das lässt sich zum Glück mit dem Betrieb der Zahnarztpraxis am Düsseldorfer Flughafen vereinbaren. In der Nacht von Samstag auf Sonntag startet die MD-11-Frachtmaschine. Sonntagmittag sind die beiden Zahnärzte dann in der Regel vor Ort. Kiambu nennt sich der Distrikt, der bei Kenia-Touristen eher nicht auf der Reiseroute liegt. Von Montag bis Donnerstag wird dann praktiziert. Am gleichen Tag nachts geht der Flieger zurück.

UMDENKEN

Christian Gerhards wollte schon als Jugendlicher Gutes tun. Während seines Medizinstudiums arbeitete er bereits für drei Monate in Afrika, vor der Zeit als Assistenzarzt weitere sechs Wochen. „Mich hat das Afrika-Fieber gepackt, als ich feststellte, dass dort wirklich Hilfe benötigt wird.“ Natürlich übt dieser Kontinent mit seiner gewaltigen Natur auch eine enorme Faszination aus. „Du lernst aber sehr schnell, dass hier nur ein ganz anderes Arbeiten möglich ist. Die deutschen Tugenden Qualität, Pünktlichkeit und Sauberkeit, die für meine Arbeit in der Düsseldorfer Praxis selbstverständlich sind, versuche ich in Kenia natürlich auch anzuwenden. Das gelingt aber nur mit vielen Abstrichen.“ Ein medizinischer Standard, wie in Deutschland gewohnt, lässt sich hier nicht umsetzen. Vornehmlich geht es darum, die Basisversorgung sicherzustellen. Bis 2014 gab es nur die Möglichkeit, Zähne zu ziehen. Ein alter Behandlungsstuhl vom Hals-Nasen-Ohrenarzt, der eher einem Friseursalon entsprungen sein könnte, war schon Luxus genug. Eine Lampe? Fehlanzeige. In den Mund hineingeleuchtet wurde mit einer Taschenlampe. Um behandeln zu können, mussten sich die Ärzte verrenken. Ein Bohrer fehlte ebenso. Von einem Röntgengerät ganz zu schweigen. Bleibt zu prüfen, wie der Zahn aussieht, um ihn – wenn nötig – schmerzfrei zu ziehen. Da keine Folgebehandlungen möglich sind, fallen Füllungen oder Wurzelbehandlungen per se weg. „Unsere Patienten sind uns dennoch für diese Hilfe sehr dankbar“, konstatiert Gerhards.

ZEITGEFÜHL

Umdenken und Abstriche machen. Das waren anfangs die zwei Prämissen, an die sich die beiden deutschen Zahnärzte gewöhnen mussten. „Mit der Zeit sieht man Dinge anders. Gelassener. Speziell wenn man längere Zeit vor Ort mit den Menschen lebt. Wir Europäer leben nach der Uhr, in Afrika hat man Zeit. Termine gelten für uns als verbindlich, so arbeiten wir auch in unserer Praxis. Im Medical Centre in Afrika kommen die Patienten morgens zu uns, legen sich mit ihren Tüchern auf den Boden, und es ist vollkommen egal, ob die Behandlung gleich beginnt oder erst in ein paar Stunden. Niemand würde sich beschweren.“ Welche unterschiedlichen Auffassungen von Zeitverständnis existieren, beschreibt Christian Gerhards mit folgender Episode: „Ich hatte mich mit einem Einheimischen privat verabredet, aber im Medical Centre einen Schlüssel vergessen, den ich noch schnell abholen wollte. Um den Termin einhalten zu können, eilte ich in schnellem Tempo zum Krankenhaus und von da aus wieder zurück zur Unterkunft. Der Weg war nicht weit, aber auf dieser recht kurzen Strecke zwischen den Bananenplantagen hielten mich Einheimische an und fragten, was passiert sei. Meine Antwort ‚Nichts, nur keine Zeit‘ stieß auf Unverständnis. Wenn sich jemand in Afrika beeilt, muss etwas Schlimmes passiert sein.“ Die Crux an der Sache: Während der pflichtbewusste Gerhards es pünktlich zum Termin schaffte, kam seine Verabredung eine Stunde zu spät.

HAKUNA MATATA

Für Christian Gerhards und Daniel Jolk ist ihr ehrenamtlicher Einsatz in Afrika auch gelebte Weltoffenheit, die ihnen viel Bewunderung von den Fachkollegen einbringt, verbunden mit dem Wunsch, dies auch gerne mal machen zu wollen. Meistens bleibt es dann aber bei der Absichtserklärung. Für die beiden deutschen Zahnärzte ist es wichtig, über den Tellerrand zu blicken. Wie sieht es woanders aus? Wie kann man von anderen Mentalitäten, anderen Lebens- und Arbeitsweisen lernen? „Weltoffen zu sein, bedeutet nicht nur, lokalbezogen seinen Job abzureißen, sondern auch, durch fremde Eindrücke andere Erkenntnisse zu sammeln“, so Gerhards. Auch wenn so ein Hilfseinsatz primär den notleidenden Menschen in Afrika gilt, mache man es immer auch ein Stück für sich. Es schaffe Weitblick und relativiere viele Dinge zuhause. „Das erdet einen!“ so ihr Fazit.

Die Lebenseinstellung dort drückt sich am besten in den geflügelten Worten „Hakuna Matata“ aus. Aus dem Swahili übersetzt heißt es so viel wie „Es gibt keine Probleme, keine Schwierigkeiten“. „Oder umgangssprachlich“, so Gerhards, „alles in bester Ordnung.“ Gar nicht in Ordnung ist, dass die Sicherheitslage in und um Nairobi manchmal zu denken gibt. Die Piloten hätten dort die höchsten Sicherheitsauflagen, weiß Gerhards zu berichten. Während ihres Stopps gilt die Order, nicht das Hotel zu verlassen. Für den Weg vom Flughafen Nairobi hin zum Medical Centre nehmen Gerhards und Jolk mittlerweile auch immer den gleichen Fahrer, um nicht in ein unbekanntes Taxi steigen zu müssen. Und der kurze Weg zum Markt wird nach Anbruch der Dunkelheit auch nicht mehr zu Fuß zurückgelegt. Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen lassen sich die beiden Zahnärzte nicht abschrecken. „Wir fühlen uns sicher“, so Gerhards. Der nächste Einsatz ist für 2019 geplant. Wieder ehrenamtlich.

Zahnarzt-Icon

DIE PLUSZAHNÄRZTE

Dr. med. dent. Christian Gerhards         Zahnarzt Daniel Jolk                       Abflugterminal B, Etage Bürogalerie      Telefon 0211 - 421 862 070 2292

flughafen@diepluszahnaerzte.de
Ihre Meinung zum Artikel

Gefällt Ihnen der Artikel?

Ihre Meinung interessiert uns.

Leserbrief schreiben

Keine neue Geschichte verpassen!

Gerne benachrichtigen wir Sie per E-Mail, sobald ein neuer Artikel auf dusmomente.com erscheint.

Bitte melden Sie sich hier an: