Auf Schatzsuche

KLAUS MÜLLER ÖFFNET SEINE HISTORISCHE SAMMLUNG

Kreise. Jede Menge Kreise. Große. Kleine. Und klitzekleine. Verbunden durch Pfeile, schwarze und grüne. Und Zahlen, jede Menge Zahlen. Was auf den ersten Blick aussieht, wie das Schaubild eines Mathematikprofessors oder vielleicht doch wie eine interstellare Konstellation, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Flugplan. Von 1939. Genauer gesagt ist es der Sommerflugplan der Deutschen Lufthansa. Gültig vom 16. April bis 7. Oktober 1939. Der Faltplan ist eines von vielen Flughafenschätzchen, die Klaus Müller, der dienstälteste Mitarbeiter der Registratur des Düsseldorfer Airports, im Archiv der neuen Flughafenzentrale hegt und pflegt – und vor allen Dingen „konserviert“.

Sommerflugplan von1939
Mit weißen Handschuhen bekleidet tritt Müller zwischen den Regalreihen hervor. Vorsichtig, ja behutsam faltet er den Flugplan auseinander und legt ihn ab. Man merkt sofort: Die Dokumente, Pläne, Zeitungen, Flyer und Fotos, die er hier aufbewahrt, liegen dem 57-Jährigen am Herzen. Vor allem die, die sich um die reine Flughafengeschichte drehen und eigentlich gar nicht Teil des offiziellen Archivs sind. „Ich liebe das“, sagt er und lässt den Blick über „seine“ Historiensammlung schweifen. „Mit den Unterlagen hier kann man sich monatelang beschäftigen und dadurch ganze Geschichten und Fälle rekonstruieren. Wie ein Detektiv.“ Da gibt es zum Beispiel den „Fall“ eines Piloten, der 1936 am Düsseldorfer Flughafen landete, das dafür anfallende Entgelt aber bis heute nicht bezahlte. Kein Wunder: Wie Müller beim Durchstöbern alter Zeitungsberichte herausfand, kam der Pilot nur drei Tage nach dem Stopp am Rhein bei einem Unglück ums Leben.

Doch zurück zum Flugplan. Wer sich darüber  beugt, dem steigt direkt dieser leicht modrige Geruch von altem Papier in die Nase. Es überrascht nicht, dass er leicht vergilbt ist. Davon abgesehen aber ist das gute Stück noch gut in Schuss. Das ungeschulte Auge muss sich erst einmal an die ungewohnte Darstellungsart mit den Kreisen und Pfeilen gewöhnen. Und dann fängt man an zu schmunzeln. Mal eben schnell von Düsseldorf nach Essen fliegen. Fliegen? Kein Problem – zumindest 1939. Abflug werktags zum Beispiel immer um 11:35 Uhr. Landung in Essen/Mühlheim gerade einmal zehn Minuten später, um 11:45 Uhr. Preis damals: zehn Reichsmark. Heute nimmt man für diese Strecke das Auto. Oder die Bahn. Wer sportlich ist, greift schon mal zum Fahrrad. Vom Ruhrgebiet aus konnten Passagiere damals dann direkt weiterfliegen – nach Berlin zum Beispiel, Borkum oder Bremen.
Neben Essen flog die Lufthansa im Sommer kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges auch Dortmund, Köln und Brüssel von der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt aus an. Heute bedient die größte deutsche Airline keines dieser vier Ziele mehr von Düsseldorf aus – stattdessen fliegt sie gemeinsam mit ihren Tochtergesellschaften Eurowings und Germanwings im Winterflugplan 2015/2016 vom Rhein aus 47 Destinationen zwischen Frankfurt (Flugdauer 55 Minuten) und New York-Newark (510 Flugminuten entfernt) an.

Ein weiteres Stück Zeitgeschichte liegt direkt neben dem Faltplan mit dem orangefarbenen Cover, das „20 Prozent Rückflugermäßigung bei gleichzeitiger Lösung des Hin- und Rückflugscheines“ verspricht: Es sind die „Satzungen der Düsseldorfer Flugbetriebsgesellschaft m.b.H. zu Düsseldorf 1933“. Da ist von der „Dauer der Gesellschaft“, von „Stammkapital“ und der „Verfügung über Geschäftsanteile“ die Rede. Wer die acht stark vergilbten Seiten genauer unter die Lupe nimmt, findet Anmerkungen mit Bleistift, wichtige Passagen, auf die mit blauen oder roten Strichen aufmerksam gemacht wird, sowie weitere Textstellen, die (mit einem korrigierten Passus) überklebt wurden. Eines der ältesten Stücke in Müllers „Fundgrube“ – es kommt übrigens auch schon einmal vor, dass Ämter oder Privatpersonen anfragen, ob sie zu Recherchezwecken vorbeikommen dürfen – ist ein Zeitungsartikel vom 16. März 1929 mit dem Titel „Luftschiff oder Flugzeug“.
Wie Müller zu seinen „Schätzen“ kommt? „Das eine oder andere hat der Airport selbst archiviert“, weiß der gebürtige Düsseldorfer. „Manchmal kommen aber auch Kollegen mit einem interessanten Fundstück zu mir, das ihnen beim Durchforsten alter Unterlagen in die Hände gefallen ist.“ Immer wieder melden sich zum Beispiel auch Flughafenanwohner, die beim Ausmisten des Dachbodens oder in einem Karton im Keller alte Zeitungsausschnitte, Fotos oder Dokumente gefunden haben – wie zum Beispiel den Sommerflugplan der Lufthansa oder die historische Flughafensatzung. „Glücklicherweise, denn genau davon lebt mein Archiv“, lacht Müllers Sammlerherz.

Klaus Müller in seinem Archiv

IN GUTE HÄNDE ABZUGEBEN

Ihnen ist kürzlich zuhause ein älteres Flughafenfoto aufgefallen? Ein „historisches“ Plakat, ein vergilbtes Dokument? Nicht wegwerfen! Lieber direkt Klaus Müller anrufen – immer werktags während der Bürozeiten:

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