FILMEMACHER & PHOTOGRAF

WIM WENDERS

Er ist einer der renommiertesten Botschafter des deutschen Films, hat jeden Filmpreis von Rang gewonnen und ist doch auf dem Boden geblieben: Wim Wenders, Produzent, Maler, Fotograf, Intellektueller und – wie er sich mit einem Augenzwinkern auch gerne bezeichnet – Interviewopfer, lässt sich nicht in eine Schablone pressen. Noch bis Mitte August zeigt er seine schon im Vorfeld viel beachtete Ausstellung „4 real & true 2. Landschaften. Photographien.“ im Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Im Terminal durften wir einige inspirierende Momente mit dem Mann verbringen, für den das Reisen zum Alltag gehört

Kötter Herr Wenders, wie war Ihr Flug? 

Wenders Bestens. Kurz und schmerzlos.

Kötter  Haben Sie eine Ahnung, wie viele Stunden Ihres Lebens Sie in einem Flugzeug oder an einem Flughafen verbracht haben?

Wenders  Hochgerechnet auf Reisezeiten und Downzeiten sicher mindestens eine gute Stunde pro Tag, warten Sie, das macht 400 Stunden im Jahr, also in zehn Jahren rund 4.000 Stunden, in 40 Jahren rund 16.000 Stunden. Das wiederum sind um die 700 Tage, und das wiederum ergeben zwei komplette Jahre. Also ich würde mal sagen, das ist konservativ. Ein paar Jahre habe ich mit Sicherheit schon in Fliegern zugebracht…

Kötter  Sie sind ein Wanderer zwischen den Welten. Heute Düsseldorf, morgen Ihre Wahlheimat Berlin, übermorgen vielleicht Paris oder Hollywood. Welchen Stellenwert nimmt das Reisen in Ihrem Leben ein? 

Wenders  Da kriegt man viel getan. Man wird nicht angerufen, kann aber lesen, schreiben und Musik hören. Ich habe viele Ideen unterwegs.

Kötter  Was begleitet Sie auf jeder Ihrer Reisen?

Wenders  Der Computer. Die Musik auf meinem Player mit Kopfhörerverstärker und gutem Kopfhörer. Das iPad mit den vielen Büchern drin. 

Kötter  Tomatensaft oder Wasser?

Wenders  Wie kommen Sie auf Tomatensaft? Das nehme ich immer. Auf Langstreckenflügen bloß kein Alkohol. Das macht die Zeitunterschiede nur schlimmer.

Kötter  „Paris, Texas“, „Der Himmel über Berlin“, „Lisbon Story“, „Palermo Shooting“ – Die Titel Ihrer Werke stehen oft in einem engen Kontext zu konkreten physischen Orten. Es scheint, als genössen Räumlichkeit und Verortung einen besonderen Stellenwert in Ihrem künstlerischen Schaffen. 

Wenders  So ist es. Viele der Filme beginnen mit einem Ort, meistens mit einer Stadt, und dem Wunsch, die Geschichte zu finden, die dahin gehört und nirgendwo anders spielen könnte. Wenn die Verortung nicht stimmt, kommt auch schnell die Geschichte nicht klar, deswegen ist das für mich von größter Priorität.

Kötter  Sie sind nicht nur Produzent, Sie sind auch ein begnadeter Fotograf: Was transportieren Fotografien, was Filme nicht zu transportieren vermögen?

Wenders  Fotografien können etwas, das Filme nicht können, und umgekehrt. In Filmen geht es letztendlich immer um die Menschen, die darin vorkommen, ob das nun fiktive Charaktere sind in einem Spielfilm, oder wirkliche Menschen in einem Dokumentarfilm. Auch wenn bei einem Film der Wunsch da ist, dass die Orte ebenso „Hauptdarsteller“ werden, werden sie dann doch immer wieder von der Geschichte in den Hintergrund gedrängt und bleiben im besten Sinne „Schauplatz“. In Fotos hingegen kann ich  einem Ort die ganze Bühne geben. In Fotos können die Orte allein erzählen und so das tun, was ich am meisten von ihnen wissen will: Dass sie Auskunft geben über uns. Und das können sie! Sie sind in der Lage, ganz beredt von uns Menschen zu erzählen und uns die Spuren zu zeigen, die wir hinterlassen haben. Deswegen bin ich ein Photograph von Orten, um mehr über unsere Zivilisation zu erfahren, aber eben von den Zeugen, die zu Unrecht als „stumm“bezeichnet werden, Landschaften, Häuser, Straßen...

Kötter  Was macht für Sie ein gutes Foto aus? Welchen Tipp können Sie unseren Lesern geben?

Wenders  Lieber ein gutes Foto machen als zehn mittelmäßige oder schlechte. Durch den Sucher gucken, wenn es denn noch einen an der Kamera gibt. Finger weg vom Zoom. Lieber näher rangehen oder weiter weg. Denken Sie daran, dass ein Foto nicht nur abbildet, was Sie sehen, sondern auch zeigt, wer Sie sind – wenn auch manchmal nur höchst subtil...

Kötter  In Ihrer aktuellen Ausstellung zeigen Sie 80 Fotografien, die den Betrachter nicht nur auf Grund ihrer Schlichtheit, ihrer Ruhe und ihrer Präsenz nachhaltig beeindrucken. Stehen diese Fotos am Ende eines langen Planungsprozesses oder haben Sie die Kamera schlicht immer im Gepäck und drücken auf den Auslöser, wenn Motiv und Stimmung passen?  

Wenders  Ich habe die meisten dieser Fotos gemacht, als ich allein unterwegs war. Und alle sind spontan entstanden. Oft bin ich an einen Ort zurückgekehrt, wenn ich mit dem Licht noch nicht zufrieden war. Und seit Jahren trenne ich meine Reisen, die mit Filmen zu tun haben, von denen, die mit Photographie zu tun haben. Ich kann nur das eine oder das andere machen, nicht beides auf einmal.

Kötter  Welcher Ort auf der Welt hat Sie auf Ihren vielen Reisen besonders beeindruckt und inspiriert?

Wenders  Ich könnte mit gutem Grund sagen: die Australische Wüste, oder der Amerikanische Westen, oder Armenien, oder Israel, oder der Süden von Japan, oder...

Kötter  Sie sind ein Kind des Rheinlands, sind vor 70 Jahren in Düsseldorf auf die Welt gekommen und hier aufgewachsen. Welche Beziehung hat ein Kosmopolit wie Sie zu dem Ort, wo für Sie alles begann? 

Wenders  Den kriegt man nicht mehr aus seinem System raus. Die ersten Eindrücke formen einen mehr als jede noch so tolle Stadt oder Landschaft, die man später bereist. Wie viele Tage, Wochen, Monate habe ich nicht auf den Rheinwiesen zugebracht! In dem Fluss bin ich als Kind sogar um ein Haar ertrunken. Mein erstes Bier war ein Ueriges! Im Benrather Schloss bin ich zur Schule gegangen! Mensch, das alles formt den Charakter! (lacht)

Kötter  Herr Wenders, vielen Dank für diesen Moment.

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